Über die aktuellen Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ gibt es viel zu sagen. Da wird einerseits über Form und Ursache von Norbert Hofers neuem Bart spekuliert, andererseits gibt es aber auch von echten Einigungen zu berichten, die wohl prägend für Österreichs nächste Jahre sein werden. Neben der Raucherdebatte stehen dabei vor allem die angekündigten Reformen im Bildungsbereich im Mittelpunkt.

Die Änderungen sehen etwa eine leistungsorientierte Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer vor,  Kindergartenleitende sollen künftig einen akademischen Abschluss vorweisen können, Ethikunterricht wird verpflichtend und Noten sollen wiedereingeführt werden. Teil der Reformpläne ist auch ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr und Förderunterricht vor Schuleintritt für Kinder, die Deutsch „nicht ausreichend“ beherrschen.

In der Zeit im Bild vom 29. November will Armin Wolf von Andreas Salcher, der für die ÖVP in den Koalitionsgesprächen den Bereich Bildung verhandelt, wissen, nach welchen Standards wann von wem die Spracheignung festgestellt werden soll. Salcher antwortet:

„Also die Grundidee ist, dass man schon in den Kindergärten, wo man ja mit geringem Aufwand einen maximalen Bildungserfolg erzielen kann, dort schon massiv investiert auch in Deutsch. Kinder, die das dort noch immer nicht schaffen – aus welchen Gründen auch immer – in eine Vorschule gehen. Aber es muss gesichert werden, dass Kinder, die in die Volksschule eintreten, zumindest so weit Deutsch können, dass sie dem Unterricht folgen können. Die Situation zum Beispiel in Wien ist ja so, dass jedes zweite Kind nicht mehr Deutsch als Umgangssprache hat. Und da muss man als Regierung einfach drauf reagieren.“

Ein Blick auf die Zahlen verrät: das stimmt. Im Schuljahr 2015/16 hat die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen erhoben, dass 262.777 Schülerinnen und Schüler von Volksschule bis AHS eine andere Sprache als Deutsch als Umgangssprache angegeben haben. Das sind österreichweit im Schnitt 23,8 Prozent, beim Spitzenreiter Wien hingegen 49,7 Prozent. Am wenigsten Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache gibt es mit 13,3 Prozent in Kärnten.

Einen großen Unterschied bemerkt man nicht nur je nach Bundesland, sondern auch abhängig vom Schultyp. Während es in Berufsschulen 15 Prozent und in AHS, BHS und Hauptschulen je rund 19 Prozent Kinder mit nicht-deutsch als Umgangssprache gibt, sind es polytechnischen Schulen und Sonderschulen circa ein Drittel.

Neben Deutsch am meisten gesprochen wird Türkisch, Serbisch, Albanisch und Bosnisch, den stärksten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr hat mit plus 2,4 Prozent Arabisch.

In Wien wurden im Schuljahr 2014/15 12.100 Pflichtschülerinnen und Schüler als sogenannte „außerordentliche Schüler“ geführt. Mit diesem Status haben sie bis zu zwei Jahre Zeit, um Deutsch so gut zu lernen, dass sie normal am Unterricht teilnehmen können. Bis dahin werden sie in Sprachkursen gefördert, nehmen auch am Unterricht teil, werden aber noch nicht benotet. Diese Maßnahmen betrifft nur Pflichtschülerinnen und Pflichtschüler, von denen es 2014/15 in Wien circa 100.000 gab, etwas mehr als 60.000 davon mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Ein Fünftel davon hat also tatsächlich auch grobe Probleme beim Deutscherwerb.

Auch wenn der Zusammenhang von sprachlichen Problem mit der Erstsprache eines Kindes nicht so eindeutig sein mag, wie ihn Andreas Salcher impliziert, so zeigt die letzte PISA-Studie doch klar, dass in Österreich Bildungserfolg klar vererbt wird und überdurchschnittlich von der sozioökonomischen Lage des Elternhauses abhängt. Eine andere Erstsprache führt nicht zu schlechterem Erlernen einer weiteren Sprache. Die Aussage, dass in Wien die Hälfte der Kinder nicht Deutsch als Umgangssprache hat, ist allerdings richtig – Salchers Aussage bekommt ein „richtig“.