Heute ist Fußball-WM-Finale und Millionen Menschen aus aller Welt schauen gespannt zu, wer als Gewinner vom Feld gehen wird. Einige tausend interessieren sich bei der Weltmeisterschaft aber für etwas ganz anderes, nämlich eine besonders leichte Einreise nach Russland und folglich Österreich. Das sagt zumindest der FPÖ-Landesrat Gottfried Waldhäusl. Er postete Ende Juni auf Facebook ein Foto, auf dem ein dunkelfarbiger Mann mit einem Balken über der Augenpartie sowie der Aufschrift “WM-Asylschmäh. Von Nigeria zur Fußball-WM und zu uns.” zu sehen war. Als Erklärung zum Text schrieb Waldhäusl:

“Tausende Marokkaner, Nigerianer, Algerier und Iraner beantragen derzeit Fan-Pässe für die Fußball-WM in Russland, um leichter in die EU zu gelangen. Erste Fälle wurden bereits an der finnischen Grenze bekannt.” und ergänzte später: “Diese Information stammt aus dem Bericht „Wochenlage Illegale Migration“ (KW 23/2018) des BM.I – Bundesministerium für Inneres.”

 

WM-Ticket als Visaersatz

Das mit den WM-Tickets stimmt. Wer ein Ticket für ein WM-Spiel in Russland gekauft hat, benötigt für den Zutritt zum Stadium außerdem eine sogenannte Fan-ID. Das ist ein Ausweisdokument, mit dem man sich 10 Tage vor und 10 Tage nach dem ersten beziehungsweise letzten Spiel noch in Russland aufhalten kann. Es dient also als Ersatz für ein Visum nach Russland. Man kann damit zwischen 4. Juni und 25. Juli auch mehrmals nach Russland ein- und ausreisen und in den Austragungsorten den öffentlichen Verkehr gratis benutzen.

 

Fünf bekannte Fälle in Finnland

Benutzen vorgebliche WM-Fans dieses Ticket jetzt wirklich zur einfacheren Einreise nach Russland und folglich weiter in die EU? Erste Fälle wurden tatsächlich an der finnischen Grenze bekannt. Und zwar fünf. Drei Männer waren aus Marokko und haben versucht, über die grüne Grenze nach Finnland einzureisen, wobei sie aber vom finnischen Grenzschutz aufgehalten wurden. Ein Mann aus China wurde am Flughafen von Helsinki mit dem WM-Pass aufgegriffen und ein weiterer aus Nigeria wurde am Grenzübergang Vainikkala aufgehalten. Alle fünf haben in Finnland um Asyl angesucht.

Der finnische Grenzschutz ist trotzdem entspannt. “Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Fan-IDs missbraucht werden. Das war zu erwarten und wir sind vorbereitet”, sagt Ville Mihl vom südöstlichen finnischen Grenzschutz. Finnland habe bereits beim letztjährigen Confederations Cup, bei dem dasselbe Visasystem benutzt wurde, Erfahrungen gesammelt. Damals wurden die Fan-IDs nicht benutzt, um in Finnland Asyl anzusuchen, sagt Marko Saareks vom finnischen Grenzschutz.
Insgesamt gibt es in Finnland jedes Jahr 5 bis 10 illegale Grenzübertritte und die Behörden untersuchen jährlich 20-30 Fälle von gefälschten Dokumenten.

Ein Journalist vom finnischen öffentlichen Rundfunk YLE, von dem der ursprüngliche Bericht stammt, bestätigt Fakt ist Fakt, dass seither keine weiteren Fälle bekannt geworden sind. Er gibt aber an, dass er nicht wisse, ob der finnische Grenzschutz wirklich jeden einzelnen Fall explizit veröffentlichen würde. Die Fan-IDs sind nämlich in der öffentlichen Debatte kein großes Thema, bestätigt ein weiterer finnischer Journalist. Mehr als die genannten fünf Fälle kennt auch er nicht, von tausenden nicht zu sprechen.

 

Österreich nicht betroffen

Das Innenministerium sieht sich indes gar nicht zuständig. Selbst wenn ein Problem in Finnland bestünde, stelle dies keine Problematik für Österreich dar. Dann sei Finnland oder ein entsprechendes anderes europäisches Land, in das vor Österreich aus Russland aus eingereist werde, zuständig, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Ihm sei das Problem bisher aber gar nicht bekannt.

Als Waldhäusl sein Posting um den Bericht „Wochenlage Illegale Migration“ als Quelle für seine Zahlen ergänzt, erhalten wir keine Rückmeldung vom Innenministerium, ob man in den Bericht Einsicht nehmen könne. Waldhäusl selbst schreibt: “Es handelt sich hierbei um eine interne Information des BMI, die an mein Büro übermittelt wurde. Eine Weitervermittlung dieser Datei ist daher leider nicht möglich. Sie können aber davon überzeugt sein, dass diese Zahlen den Tatsachen entsprechen.”

 

Waldhäusls Asylschmäh

Da außer dem geheimen Bericht Waldhäusls keine Zahlen zu finden sind, die diesen Tatsachen entsprechen, werten wir die Aussage als falsch. Bisher sind fünf Fälle in Finnland bekannt, in denen das WM-Ticket nicht nur zur Einreise nach Russland verwendet wurde, sondern von dort aus versucht wurde, illegal weiter in ein EU-Land zu gelangen. Von tausenden einreisenden Menschen ist auch in anderen Nachbarländern Russlands nichts bekannt und selbst wenn, würde dies noch keine Möglichkeit zur Weiterreise nach Österreich bieten. Der WM-Asylschmäh, von dem Waldhäusl spricht, ist also tatsächlich genau das: nur ein Schmäh.

 

 

 

Fotocredit Gottfried Waldhäusl (Kleines Bild): Karl Gruber | CC-BY-SA 3.0